Zurück zum Blog
Schulkritik

Machen unsere Schulen Kinder zu Objekten? Ein Blick in das Hüther-Interview

Im Deutschlandfunk-Gespräch kritisiert Gerald Hüther Noten, Kontrolle und Gleichschritt - und wirbt für lernende Subjekte.

19. Jan 202613 MinSelbst Bilden Redaktion
Abschnitt 1 / 13

Die Ausgangsfrage: Wer darf Subjekt sein?

Der Deutschlandfunk stellte Gerald Hüther 2017 eine provozierende Frage: Machen unsere Schulen Kinder zu Objekten? Im Gespräch legt der Neurobiologe offen, warum er das bestehende System nicht nur als unzureichend, sondern als grundsätzlich verfehlt erlebt. Sein Argument ist simpel und zugleich radikal: Lernen geschieht nur dann nachhaltig, wenn der Lernende als Subjekt handelt. Werden Kinder jedoch durch Noten, Tests und Vorgaben auf Leistung reduziert, verlieren sie die Rolle des Gestalters und werden zum Objekt einer Maschinerie.

Hüthers Interview ist kein Einzelvortrag, sondern eine Einladung, die Perspektive zu drehen. Statt nach besseren Methoden zu suchen, fragt er nach der Grundannahme: Wem dient Schule eigentlich? Die Antwort, die er andeutet, ist unbequem. Schule sichere gesellschaftliche Ordnung, erzeuge Anpassung und formiere - dabei werde das Potenzial der einzelnen Person zweitrangig. Wer dieses Interview hört, merkt schnell: Es geht nicht um kleine Verbesserungen, sondern um eine andere Vorstellung von Bildung.

Schule als System der Stabilisierung

Hüther beschreibt Schule als Institution, die historisch nicht für die Entfaltung einzelner Menschen gebaut wurde, sondern für die Stabilisierung sozialer Verhältnisse. Er spricht von der Tendenz, konforme Bürger und Konsumenten hervorzubringen. Damit stellt er die Funktionslogik des Systems in Frage. Wenn Schule in erster Linie standardisiert, sortiert und selektiert, dann besteht ihr Erfolg darin, dass möglichst viele sich anpassen - nicht darin, dass möglichst viele ihre eigenen Wege finden.

Diese Analyse erklärt auch die enorme Resistenz gegen tiefgreifende Veränderung. Reformen bleiben oft an der Oberfläche, weil der Kern - Kontrolle, Bewertung, Vergleich - unangetastet bleibt. Hüther kritisiert deshalb nicht einzelne Lehrkräfte oder Schulen, sondern die Struktur selbst. Seine Schulkritik ist damit nicht moralisch, sondern systemisch. Sie fragt: Welche Art von Mensch entsteht, wenn Lernen vor allem eine Reaktion auf Druck ist? Und welche Art von Gesellschaft halten wir damit am Leben?

Objektlogik: Noten, Vergleich und die Folgen

Die Objektlogik der Schule zeigt sich für Hüther vor allem in Noten und Zeugnissen. Bewertung verwandelt Lernen in eine Abfolge von Messpunkten. Kinder lernen nicht mehr, um zu verstehen, sondern um eine Zahl zu erreichen. Das führt zu einer Verschiebung der Motivation: Weg von Neugier, hin zu Angst, Scham oder Belohnung. Hüther spricht davon, dass das Kind zum Objekt gemacht wird, weil es sich nicht mehr als handelndes Subjekt erleben kann, sondern als jemand, der beurteilt wird.

Diese Logik erzeugt Nebeneffekte, die wir oft als normal betrachten: Konkurrenz unter Gleichaltrigen, Selbstzweifel trotz Leistung, Angst vor Fehlern. Sie erzeugt eine Kultur des Absicherns, in der das Risiko, wirklich Neues zu probieren, zu hoch ist. Hüther betont, dass echtes Lernen aber gerade Fehler braucht. Wer sich nicht traut, etwas Falsches zu denken, wird auch selten etwas Eigenes finden. In dieser Perspektive ist Objektifizierung nicht nur eine ethische Frage, sondern eine Lernbremse.

Ganzheitliches Lernen braucht Sinn und Körper

Im Interview fordert Hüther einen ganzheitlichen, sinnlichen Unterricht, idealerweise mit Bezug zur Natur. Lernen wird hier nicht als Kopfsache verstanden, sondern als ganzkörperlicher Prozess. Menschen lernen, wenn sie etwas erleben, wenn sie Dinge anfassen, beobachten, riechen, ausprobieren. Diese sinnliche Dimension verschwindet im klassischen Unterricht leicht hinter Arbeitsblättern und Folien. Hüther beschreibt das als Verlust an Lebendigkeit: Wenn Lernen entkörpert wird, verliert es an Bedeutung.

Ganzheitliches Lernen bedeutet auch, dass Wissen in reale Zusammenhänge eingebettet ist. Statt abstrakte Regeln zu üben, erfahren Kinder, warum etwas wichtig ist. Sie erleben, wie eine Idee wirkt, wenn man sie anwendet. Dadurch entstehen innere Bilder, die das Gehirn besser verankert. Hüther kritisiert daher nicht Wissen selbst, sondern die Art, wie Wissen in Schule oft vermittelt wird: isoliert, taktiert, ohne Bezug. Für ihn ist Lernen ein Lebensprozess - nicht eine Abfolge von Lektionen.

Beziehung statt Belehrung

Ein weiterer roter Faden im Gespräch ist die Rolle der Beziehung. Hüther beschreibt Schule als Beziehungsverhinderungsanstalt, wenn Lehrkräfte alle 45 Minuten wechseln und Lernen zur reinen Stoffvermittlung wird. Beziehung ist in seiner Sicht nicht Nebensache, sondern Voraussetzung. Kinder öffnen sich für Neues, wenn sie sich sicher fühlen und als Person gesehen werden. Diese Sicherheit entsteht nicht durch Regeln, sondern durch echtes Interesse und Verlässlichkeit.

In dieser Logik verschiebt sich die Rolle der Lehrkraft. Sie wird weniger zum Wissensvermittler und mehr zum Lernbegleiter. Das bedeutet nicht, dass Lehrkräfte keine Autorität mehr haben, sondern dass ihre Autorität aus Beziehung entsteht, nicht aus Kontrolle. Kinder lernen von Menschen, die sie respektieren - nicht von Systemen, die sie fürchten. Diese Perspektive fordert nicht mehr Pädagogik im engeren Sinn, sondern mehr Menschlichkeit im Alltag der Schule.

Bildungsfreiheit als Alternative

Hüther verbindet seine Schulkritik mit dem Gedanken der Bildungsfreiheit. Wenn Lernen nur gelingt, wenn der Lernende beteiligt ist, dann braucht er Freiräume. Bildungsfreiheit bedeutet in diesem Sinn nicht das Ende von Bildung, sondern das Ende von Zwang. Hüther argumentiert, dass Kinder von Natur aus lernbereit sind, solange sie nicht durch Druck und Angst blockiert werden. Wer Bildungsfreiheit will, will also nicht weniger Bildung, sondern mehr echte Bildung.

Diese Sicht steht in Spannung zu einem System, das Anwesenheit erzwingt und Leistung normiert. Im Interview wird spürbar, dass Hüther hier einen Kulturwandel fordert. Er spricht nicht von kurzfristigen Projekten, sondern von einer Gesellschaft, die Kindern vertraut. Das betrifft nicht nur Schule, sondern auch Familien, Jugendarbeit, Freizeitangebote. Bildungsfreiheit heisst: Das Kind wird nicht in Bildung hineingedrückt, sondern findet Bildung in einer Umgebung, die Lernen ermöglicht.

Konkrete Schritte im Alltag

Was bedeutet das für den Alltag in Schule und Familie? Hüther spricht im Interview zwar vor allem über Prinzipien, aber diese lassen sich übersetzen. Erstens: Freiräume schaffen, in denen Kinder Entscheidungen treffen dürfen. Zweitens: Noten und Vergleiche nicht zum Mittelpunkt machen. Drittens: Projekte ermöglichen, die echten Sinn haben. Wenn Kinder an etwas arbeiten, das für sie relevant ist, wird Lernen automatisch intensiver. Das gilt in der Schule wie zu Hause.

Auch kleine Anpassungen können viel bewirken. Wer Gespräche über Interessen führt, stärkt Selbstwahrnehmung. Wer Kindern Zeit gibt, statt sie ständig zu takten, ermöglicht Vertiefung. Wer Fehler als Lernschritte anerkennt, reduziert Angst. Diese Dinge brauchen keine Gesetzesreform, sondern Haltung. Hüthers Interview macht klar: Es geht nicht um Perfektion, sondern um den Mut, das Lernen wieder als lebendigen Prozess zu betrachten.

Warum Bewertungskultur so hartnäckig bleibt

Die Objektlogik der Schule hält sich nicht, weil Lehrkräfte sie lieben, sondern weil das System sie braucht. Vergleichbarkeit verspricht Steuerbarkeit: Noten machen Leistungen messbar, Rankings machen Schulen vergleichbar. In einer Verwaltung, die Ressourcen verteilt und Erfolge nachweist, ist diese Messbarkeit verlockend. Hüther weist jedoch darauf hin, dass diese Logik am Kern des Lernens vorbeigeht. Was messbar ist, ist nicht automatisch bedeutsam.

Für Kinder bedeutet die Bewertungskultur, dass sie sich früh an externe Massstäbe gewöhnen. Statt zu fragen "Was habe ich verstanden?", fragen sie "Welche Note bekomme ich?". Diese Verschiebung wirkt wie ein Filter: Lernen wird zu einer Strategie, nicht zu einem Prozess. Wer sein Selbstwertgefühl an Noten hängt, wird vorsichtig. Wer gelernt hat, dass Fehler bestraft werden, wird das Risiko meiden. Genau dadurch geht das verloren, was Hüther als Lernlust beschreibt.

Auch die Rolle der Lehrkraft verändert sich in dieser Kultur. Sie wird zum Urteilenden, zum Vergleicher, zum Gatekeeper. Viele Lehrkräfte erleben das als Belastung, weil sie eigentlich begleiten wollen. Doch das System zwingt sie in eine Rolle, die Kontrolle priorisiert. Hüther macht deutlich, dass die Objektivierung nicht nur die Lernenden trifft, sondern auch die Lehrenden. Beide Seiten werden zu Teilen eines Messapparats.

Wer diese Dynamik versteht, kann sie leichter durchbrechen. Es geht nicht darum, Leistung zu ignorieren, sondern sie anders zu begleiten. Wenn Lernfortschritt als Entwicklung beschrieben wird, statt als Zahl, entsteht ein anderes Klima. Hüthers Interview ermutigt dazu, die Bewertungskultur nicht als Naturgesetz zu akzeptieren, sondern als historisch gewachsene Praxis, die sich ändern lässt.

Alternativen im Unterricht und in Lernlandschaften

Wie können Schulen und Lernorte aussehen, die den Menschen wieder zum Subjekt machen? Hüther skizziert keine fertigen Modelle, aber seine Prinzipien lassen sich übersetzen. Projektbasiertes Lernen ist eine Möglichkeit: Statt Inhalte nacheinander abzuarbeiten, arbeiten Lernende an einer Fragestellung, die sie selbst mitentwickeln. Das erzeugt Sinn, weil das Ergebnis etwas bewirkt. Lernen wird dadurch alltagsnah und relevant.

Auch sinnliches Lernen lässt sich systematisch stärken. Exkursionen, Naturräume, handwerkliche Projekte oder soziale Aktionen schaffen reale Erfahrungen, an die Wissen anschliessen kann. Wenn Kinder mit eigenen Händen bauen, messen, beobachten oder organisieren, entsteht ein Bezug, der im Klassenzimmer oft fehlt. Hüther betont, dass Lernen ganzkörperlich ist - und genau hier liegt ein ungenutztes Potenzial vieler Schulen.

Ein dritter Baustein ist Mitbestimmung. Wenn Lernende Entscheidungen treffen dürfen, entsteht Verantwortung. Das kann in der Themenwahl, der Aufgabenverteilung oder der Dokumentation passieren. Wer Verantwortung trägt, erlebt sich als Subjekt. Das ist nicht chaotisch, sondern strukturiert, wenn es gut begleitet wird. Viele Schulen experimentieren bereits mit Klassenräten, Lernbüro oder selbstorganisierten Phasen.

Schliesslich braucht es andere Formen von Rückmeldung. Portfolios, Lernjournale und Lernberichte können Leistungen sichtbar machen, ohne sie zu normieren. Sie zeigen Entwicklung, nicht nur Ergebnis. Wer einen Lernweg beschreibt, erkennt sich selbst. Hüthers Perspektive legt nahe: Diese Art von Rückmeldung fördert die innere Motivation und stärkt das Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit.

Signale für einen echten Subjektwechsel

Wie erkennt man, ob eine Lernumgebung den Menschen wirklich zum Subjekt macht? Ein erstes Signal ist Sprache. Wird über Lernende als Mitgestalter gesprochen, oder nur als Leistungsobjekte? Werden ihre Fragen ernst genommen, oder werden sie in den Stundenplan gedrückt? Hüther würde sagen: Wo Neugier belohnt wird, ist Subjektsein möglich. Wo Fragen stören, ist der Mensch Objekt.

Ein weiteres Signal ist der Umgang mit Fehlern. In einer Subjektkultur sind Fehler Lernmaterial, kein Makel. Wer Fehler erklären darf, statt sie zu verstecken, entwickelt Mut. Auch Zeit ist ein Indikator: Gibt es Raum für Vertiefung oder nur für Taktung? Wer das eigene Tempo mitbestimmen darf, erlebt Selbstwirksamkeit. Das gilt in der Schule genauso wie zu Hause.

Schliesslich zeigt sich der Subjektwechsel in der Beziehung. Lehrkräfte und Eltern, die Vertrauen ausstrahlen, erzeugen Lernlust. Wer dagegen mit Kontrolle arbeitet, bekommt angepasste Antworten. Hüthers Interview lässt sich so als Checkliste lesen: Wenn Begeisterung selten vorkommt, ist wahrscheinlich die Struktur das Problem. Wenn Begeisterung regelmässig auflebt, ist der Mensch im Zentrum.

Ein zusätzlicher Hinweis ist Beteiligung an Regeln. Wenn Lernende mitentscheiden, wie ein Projekt abläuft, wie Gruppen arbeiten oder wie Ergebnisse präsentiert werden, entsteht echte Verantwortung. Diese Beteiligung muss nicht grenzenlos sein, aber sie sollte real sein. Wer Entscheidungen nur simuliert, erzeugt Frust. Wer Entscheidungen ernst nimmt, bekommt Engagement.

Auch die Art der Ergebnisse ist ein Signal. In einer Subjektkultur entstehen oft Produkte, die nicht nur für die Note da sind: Präsentationen, Projekte, Aktionen, Ideen. Wenn Lernende Dinge tun, die sie selbst verantworten, zeigen sie Eigeninitiative. Diese Initiative ist ein starker Indikator dafür, dass Lernen von innen kommt. Hüthers Kriterium der Begeisterung wird dadurch sicht- und erlebbar.

Ein letztes Signal ist die Sprache der Lernenden über sich selbst. In einer Subjektkultur berichten sie von Fragen, Aha-Momenten und eigenen Zielen. Sie sprechen nicht nur darüber, was sie müssen, sondern was sie wollen. Wenn die Sprache dagegen vor allem um Druck, Noten und Angst kreist, ist der innere Bezug dünn. Hüther würde sagen: Dort fehlt emotionale Beteiligung. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuhoren. Fragen wie "Worauf bist du stolz?" oder "Was willst du als nächstes herausfinden?" zeigen, ob Lernen als eigener Prozess erlebt wird.

  • Lernende dürfen Themen mitbestimmen und Ergebnisse präsentieren.
  • Rückmeldungen beschreiben Entwicklung statt Vergleich.
  • Fehler werden als Schritte, nicht als Defizite behandelt.
  • Es gibt Phasen für Vertiefung ohne ständige Bewertung.
  • Beziehungen sind stabiler als der Stundenplan.
  • Lernende dokumentieren ihren Fortschritt in eigenen Worten.

Fazit: Das Kind wieder zum Subjekt machen

Die Frage, ob Schulen Kinder zu Objekten machen, ist am Ende nicht nur rhetorisch. Sie ist ein Spiegel, der zeigt, worauf das System ausgerichtet ist. Hüther beantwortet sie indirekt: Wenn Lernen vor allem bewertet, kontrolliert und standardisiert wird, verliert der Lernende seine Subjektrolle. Damit verliert das Lernen seine Kraft. Die Konsequenz ist keine romantische Rückkehr ins Gestern, sondern ein klares Plädoyer für Beziehung, Sinn und Freiheit.

Das Interview bleibt relevant, weil es keine einfache Lösung anbietet, sondern eine andere Perspektive. Wer Bildung neu denken will, muss die Frage nach dem Subjekt stellen: Dürfen junge Menschen ihr Lernen mitgestalten oder bleiben sie Objekte eines Plans? Hüthers Antwort ist eindeutig. Und sie lässt sich in kleinen Schritten beginnen - im Klassenzimmer, im Gespräch, im Vertrauen darauf, dass Kinder lernen wollen, wenn man sie lässt.

Dieser Perspektivwechsel ist kein Appell gegen Schule, sondern für Lernen. Wenn Schulen und Familien die Frage nach dem Subjekt ernst nehmen, wird aus Bildung wieder Beziehung. Hüther zeigt, dass diese Beziehung messbare Folgen hat: mehr Motivation, mehr Mut, mehr Eigenverantwortung. Wer das erlebt, versteht, warum die Debatte über Noten am Ende eine Debatte über Menschenbilder ist.

Noten und Zeugnisse machen das Kind zum Objekt.
- Gerald Hüther, Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch
Lernen gelingt nur, wenn der Mensch emotional beteiligt ist.
- Gerald Hüther, Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch